"Readymix - Stinktier oder was ?"

Operation Stinktier


Ein ruinöser Preiskampf hat der Zementindustrie ein erbittertes Hauen und Stechen beschert. Dem Branchenvierten Readymix droht gar Übernahme und Zerschlagung. Doch erst jetzt wurde bekannt: Der Preiskampf war lediglich Teil eines raffinierten Angriffs der Mitbewerber auf den Störenfried. Der Deckname des Projekts: "Skunk" - Stinktier

von Frank Seidlitz (Artikel erschienen am 9. Okt 2003)

Der Skunk ist normalerweise feige, faul und lebt auf Kosten Anderer. Überwiegend nachtaktiv, ruht sich der allgemein als "Stinktier" bekannte Vierbeiner tagsüber in Erdlöchern aus, die von anderen Tieren gegraben wurden. Sein unausstehliches Analdrüsen-Sekret stößt das Stinktier nur bei Notwehr aus und kann es Gegner auf die Entfernung von vier Metern entgegenspritzen. Experten unterscheiden drei Arten von Stinktiere: den Streifenskunk (mephitis mephitis), den etwas kleineren Fleckenskunk (spilogale) und den Weißrüsselskunk (conepatus). In der Bevölkerung ist hingegen nur der schwarz-weiße Streifenskunk bekannt.

Noch undifferenzierter ist das Bild des Skunks in der Zement- und Betonbranche. Hier gibt es - so meinen Konkurrenten - nur ein einziges Stinktier, und das hat sogar einen Namen: Readymix.

In einer gemeinsamen Aktion versuchen nun die Wettbewerber um Marktführer Heidelberg Cement das Ratinger Unternehmen aus dem Markt zu drängen. Dafür haben sie sich einen vielsagenden Decknamen einfallen lassen: "Operation Skunk".

Nach dem Geheimplan droht der Nummer vier der deutschen Zementindustrie, nach der Übernahme sogar zerschlagen zu werden. Es wäre die größte Branchen-Transaktion aller Zeiten, die das Kartellamt unweigerlich auf den Plan rufen würde.Denn es geht nicht nur darum, dass mit Heidelberg Cement ein Unternehmen eine marktbeherrschende Stellung bekäme. Vielmehr würde mit Readymix der Kronzeuge des bislang größten Kartellverfahrens vom Markt verschwinden. "Genehmigt die Behörde den Kauf durch den Marktführer Heidelberg Cement, bestraft es mit Readymix denjenigen, der von Anfang an mit dem Kartellamt kooperiert hat", sagt der Geschäftsführer eines mittelständischen Zementunternehmens. Verweigert das Kartellamt den Kauf hingegen seine Zustimmung, muss es möglicherweise sich den Vorwurf gefallen lassen, einer Branche die Chance für eine dringend erforderliche Neuordnung zu verwehren. Die Entscheidung ist offen, die Prüfung wird Monate dauern.

Die Bezeichnung "Stinktier" für das Ratinger Readymix-Unternehmen kommt nicht von ungefähr. Denn es war der Vorstand der rheinischen Unternehmens-Gruppe, der Anfang des Jahres eine umfassende Beichte und unzählige Aktenordner beim Bundeskartellamt ablieferte.Fein säuberlich wurde hier dokumentiert, wie wenige Zementunternehmen mehr als 30 Jahre lang ein wettbewerbswidriges Preis-, Mengen- und Absatzkartell bildeten. Readymix mischte dabei fleißig mit, war sogar bis vor zwei Jahren das Ton angebende Unternehmen beim Transportbeton. Doch der neu eingesetzte Vorstand wollte reinen Tisch machen. Zu groß waren die Risiken, dass die Absprachen auffliegen könnten.

Readymix setzte damit das größte Verfahren in der Geschichte des Bonner Kartellamtes in Gang (siehe Kasten). Für die Konkurrenz ist Readymix seitdem das Stinktier der Branche.

Geholfen hat das Rekordbußgeld aber wenig. Kurz nach der Entscheidung der Behörde versuchten einige Unternehmen, das Kartellverbot erneut zu umgehen. "Alten Absprachen sollten wieder aufleben", sagt ein Vorstandsmitglied eines kontaktierten Unternehmens. Denn noch immer sind einige Manager der Meinung, dass ein Preis-, Absatz- und Mengenkartell die einzige Überlebenschance sei. In einem freien Wettbewerb könnten Massengüter wie Beton und Zement gar nicht kostendeckend hergestellt werden, behaupten sie. Daher die Kartellbildung, die fast alle Branchenunternehmen gegenüber den Wettbewerbshütern auch eingestanden haben.

Doch möglicherweise gelingt es, jetzt die alte Ordnung auf einem ganz legalem Wege zu erreichen: durch eine Milliarden-schwere Marktbereinigung.

Eine Marktbereinigung wird von Analysten längst gefordert. Dem jährlichen Gesamtabsatz der Branche von knapp 25 Mio. Tonnen stehen Anlagenkapazitäten für rund 37 Mio. Tonnen gegenüber - bei insgesamt Zementherstellern. Eine bessere Performance der Zementaktien könne nur durch höhere Zementpreise erreicht werden, sagen die Branchenkenner. Damit sind sie sich einige mit den führenden Zement-Managern - zumindest was den Preis-Wunsch für den Baustoff angeht.

"Operation Skunk" soll die Basis für die Marktbereinigung legen - und für Readymix gleichzeitig eine Art Denkzettel wegen der Beichte beim Kartellamt, vermutet der Ratinger Gesamt-Betriebsrat Hans Bergmann.

Das Frankfurter Bankhaus Metzler hat das streng vertrauliche Papier für den Vorstand von Heidelberger Cement entworfen. Ziel ist es, den unliebsamen Konkurrenten aus dem Markt zu drängen.Die Folgen sind absehbar: ein deutlicher und schneller Abbau der Überkapazitäten sowie eine Verringerung der Konkurrenten auf drei Große. Die verbleibenden Firmen hätten leichtes Spiel, die Preise regelmäßig parallel anzuheben. "Dann brauche ich keine Geheimabsprachen mehr. Alles wäre legal", heißt es bei einem Unternehmen, das ebenfalls dem Kartellamt bei den Ermittlungen geholfen hat.

Längst ist "Operation Skunk" im Gang.
Schritt für Schritt werden die drei Phasen umgesetzt:
(Phase 1) - Dumping-Preis-Strategie gegen den Störenfried
(Phase 2) - die Übernahme
(Phase 3) - und die anschließende Zerschlagung.

Die Strategie konnte sogar fortgesetzt werden, als das Papier in die Hände des Kartellamtes fiel: Bei einer groß angelegten Razzia im Juli vergangenen Jahres beschlagnahmten die Wettbewerbshüter kistenweise Papiere. "Wir haben nicht schlecht gestaunt, als wir die Skunk-Unterlagen gefunden haben", erzählt ein Ermittler, der damals die Räume von Heidelberg Cement durchsuchte. Die Entdeckung war der Super-Gau für den Vorstand, musste Heidelberg Cement doch befürchten, dass der Plan nun an die Öffentlichkeit gelangte. Tat er aber nicht - und auch das Kartellamt machte keine Anstalten, aktiv zu werden. Die Beamten mussten das Papier später sogar wieder übergeben. Denn Heidelberg Cement deklarierte die Operation "Skunk" zum Geschäftsgeheimnis. Letzte Woche aber machte die WELT den Plan publik. Heidelberg räumte daraufhin Verhandlungen über den Kauf von Readymix ein. Daraufhin gingen Mitarbeiter des Ratinger Unternehmens auf die Straße. Die Politik in Nordrhein-Westfalen ist alarmiert.

Dass das einzige Ziel der Heidelberger die Stabilisierung des Zementpreises ist, wird von Kritikern inzwischen bezweifelt. Der Preisverfall sei nicht Resultat des plötzlich eingeleiteten Wettbewerbs."Da hätte Readymix als Dritter oder Vierter im Markt gar nicht die Macht, um die Absprachen zu beenden", heißt es. Stattdessen ist der Preisverfall Phase 1 des Strategie-Plans gewesen. Punktgenau setzte der Preissturz zu dem Zeitpunkt ein, als Readymix seine Beichte im Frühjahr vorigen Jahres beim Kartellamt machte. Konkurrenten begannen mit der Dumping-Strategie gegen das Unternehmen. Gezielt trat man an die Kunden der Rheinländer heran und legte günstigere Angebote vor. Abnehmer bestätigten die Dumping-Angebote. Die Kosten für diese Aktion sollen dann im Zuge von "burden sharing" unter den führenden Vertretern der Branche geteilt worden sein.

Innerhalb weniger Monate sackte der Preis um 60 Prozent ab, in den ersten Monaten bis Mai bereits von 60 auf 40 Euro pro Tonnen. Readymix allerdings blieb hart und startete damit die Preisspirale. Also verschärfte Heidelberg Cement daraufhin die Gangart. Nun stand die Verdrängung auf dem Plan: entweder durch die Übernahme des Ratinger Unternehmens oder gleich der ganzen Readymix-Mutter, des britischen Baustoffkonzerns RMC (Phase 2). Es wäre die weltweit größte Übernahme der Branchengeschichte gewesen. Doch die Investmentbanker warnten davor: Die hohe Verschuldung von Heidelberg Cement mit offiziell 4,5 Mrd. Euro ließ keinen großen Wurf zu. Blieb also nur Plan B, der Aufkauf der Deutschland-Tochter. Letzten Mittwoch bestätigten RMC und Heidelberg Cement Verhandlungen über den Verkauf der Readymix AG - sehr zur Überraschung des Vorstandes und der Mitarbeiter.

Was RMC allerdings bis dahin nicht wusste, war die geplante Zerschlagungsstrategie, die Heidelberg Cement verfolgte.Nach der Übernahme, die aus kartellrechtlichen Gründen über einen unscheinbaren Finanzinvestor abgewickelt werden sollte, war die Zerschlagung von Readymix geplant (Phase 3). Die Gesellschaft, die eigens zu diesem Zweck gegründet wurde, soll als Käufer fungieren und die Vermögenswerte anschließend Heidelberg Cement, Holcim, Schwenk und andere Branchengrößen verkaufen, um damit den Kaufpreis zu bezahlen. Der unverkäufliche Rest der Firma soll in die Insolvenz geschickt werden. Gut 2300 Mitarbeiter verlören ihren Job.

Die Arbeitnehmer bauen inzwischen auf das Kartellamt. Am Dienstag zogen 500 Readymix-Mitarbeiter vor die Behörde und protestierten gegen die Übernahme. Auf Plakaten forderten sie "Stoppt die Zement-Mafia" und forderten das Kartellamt zum Handeln auf. Der Vizepräsident der Behörde, Kurt Stockmann, sicherte eine genaue Überprüfung zu: "Dieser Fall erfordert erhebliche Ermittlungen, die Zeit brauchen", sagte der Beamte. Die Frage ist aber: Warum hat das Kartellamt innerhalb eines Jahr nichts unternommen, obwohl es den Plan kannte. Die Antwort ist simpel: "Uns lag kein Übernahmeantrag vor."

Artikel erschienen am 9. Okt 2003

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